"Was findest du an mir eigentlich schön?" - Buchmanuskript Vorwort, Thema Brustamputation

FRAU zu sein, bedarf es viel

oder auch

SCHÖNHEITSWAHN-sinnige Welt

 

August 2007:

Ich schaue an mir herunter. Mein neues schwarzes Kleid ist etwas tiefer ausgeschnitten. Wenn ich mich nach vorne beuge, sieht man manchmal die große Narbe an meiner Brust. Es kribbelt in meinem Magen. War es wieder das blöde Gefühl des Selbstzweifels? Na, wenn schon!  Jetzt gerade ist es mir egal! Ich bin glücklicher denn je. Trotz aller Narben am Körper und auf der Seele.

 

Mein Blick schweift umher im Wartezimmer der "Bruststation" einer  Klinik in der Nähe von Rosenheim.

Viele Frauen sitzen hier. Manche warten auf eine plastische Operation, sicher sind einige von ihnen Brustkrebspatientinnen.

So wie ich eine bin. Stopp: So wie eine WAR!!!

Ob ich wohl geheilt bin?

Heilung...im medizinischen Sinn weiß ich es nicht.

Aber im Seelischen fühle ich mich geheilt. Was für eine lange Reise das war!

 

Meine Augen wandern im Wartezimmer umher und bleiben an einem Plakat hängen, auf dem eine nackte Frau mit einem sehr schönen Busen zu sehen ist. Eine volle, runde, wunderschöne Brust.

Dieses Objekt männlicher Begierde ist nur mit einem hauchdünnen Schleier verhüllt und wirbt verführerisch und etwas frivol für eine Brustvergrößerung!

Das komische Kribbeln ist wieder da.

Ob das immer noch Schmerz ist?

Auch heute noch?

7 Jahre nach meiner Brustamputation?

Riesengroßer Schmerz über eine verlorene Brust?

Schmerz über eine verloren geglaubte Weiblichkeit?

Schmerz über eine verlorene Identität?

 

Nein, ich glaube, diesmal ist es Ärger!

Ärger über die Gefühllosigkeit, mit der man an diesem Ort ein solches Plakat aufhängt, um für eine Schönheitsoperation zu werben.

In einer Klinikstation, in der auch brustamputierte Frauen sitzen, die nie wieder so makellos aussehen werden und vielleicht - so wie ich - den Schmerz über ihre verlorene Brust zu verarbeiten versuchen. Oder die Angst haben, was ihnen bevor steht.

 

Ich schaue verstohlen meinen Partner von der Seite an, den ich kennenlernte, als ich bereits brustamputiert war. Ob auch er diese wunderschöne Brust betrachtet? Was er wohl denkt und fühlt?

Es kribbelt wieder in meinem Bauch.

Ich sehe ihn an. Er schaut mich an.

Er drückt meine Hand.

Flüstert mir ins Ohr: "Du bist die Frau, die ich liebe!"

 

Ich weiß es heute. Kein Grund, sich Gedanken zu machen. Das Kribbeln verschwindet.




Brustkrebs/ Buchmanuskript,  - Seite 2

Viel habe ich gelernt in den letzten Jahren. Ich sinniere eine Weile darüber, wofür die Brust alles steht, was bedeutet sie für eine Frau?

Ich hätte mir im Leben nie vorstellen können, wie viele unterschiedliche Gefühle damit verbunden sind. Die Medien spielen dabei eine riesige Rolle.

Dürftig bekleidete Frauen mit perfekten Körpern, oft retuschiert und dank plastischer Chirurgie ein Abbild von Barbie, schürzen auf LKW-Rückwänden, im TV bei der Parfümwerbung und an vielen anderen Stellen verführerisch die Lippen. Schon als Frau mit einem unversehrten Körper steht da der Vergleich im Raum. Ob die Werbestrategen wissen, was sie Frauen da antun?

Ob sie sehen, dass immer mehr Mädchen Essstörungen haben?

Jede zweite Frau, die ich kenne, klagt über ihr Aussehen, selbst die wunderschönste findet noch etwas an sich auszusetzen.

Doch, diejenigen, die mit Schönheit und Sex werben, wissen das.

 

Genau das ist das Verkaufskalkül.

 

Der Vergleich mit den noch Schöneren treibt die Kauflust an. Immer mit der Mode gehen, um "Mithalten" zu können, teure Cremes gegen die Hautalterung, große Investitionen, um vermeintlich schöner oder jünger zu bleiben, das kurbelt die Wirtschaft an.

 

Ob sich der Klinikchef mal Gedanken gemacht hat, wie es Frauen ergeht, die sich dieses Poster ansehen?

Kaum. In der Regel ist der Chef ein Mann in dieser Branche (warum eigentlich?) und er wird einen anderen Blick darauf haben. 

Ich spüre wieder Reste der Verbitterung, die mich lange begleitet hat: Frauen sollen ein Leben lang schön und sexy sein...und wie soll ich als brustamputierte Frau da bestehen....unmöglich!

Das war lange Zeit meine Wahrheit.

Heute bin ich freier: ich sitze hier mit meinem "unvollkommenen" Körper und fühle mich weitaus wertvoller als zu der Zeit, als ich täglich mein Aussehen kontrollierte.

 

Ich denke jetzt, ist ja ganz ok, dass der Chirurg Werbung machen will für seine chirurgische Kunstfertigkeit. Verständlich. Zumal ja immer mehr Frauen sich "unter das Messer legen" und nicht mit dem Aussehen zufrieden sind, das sie haben. 

Vielleicht "dürfen" sie gar nicht zufrieden sein damit, gesteht uns das diese Gesellschaft überhaupt zu?

Gehört frau noch dazu, wenn sie die Idealfigur um etliche Kilos verfehlt, wenn sie graue Haare nicht färbt, wenn sie kein modisches Outfit anhat, nicht jede Saison die neueste Schuhmode trägt usw...

Und was steckt dahinter:

Ist es das gleiche alte Spiel? Sind Frauen getrieben von der Angst, gegen eine Jüngere, Schönere ausgetauscht zu werden?

Oder wissen sie  - wie ich selbst lange Zeit - nicht, was sie eigentlich ausmacht?

Ist es das, was sie antreibt, all die Anforderungen der Werbeindustrie aufzugreifen?

Die ihnen nicht erlaubt, einfach so sein zu dürfen, wie sie sind?

Letztendlich: Ich habe den Segen der Plastischen Chirurgie kennen gelernt.  Und habe innerlich vieles verändert. Es gilt zu unterscheiden. 

 

Ich habe endlich ein "Gegenmittel" gegen die Zweifel gefunden, aber wie lange habe ich danach gesucht. Ich hatte nicht begriffen, was das Schicksal mir sagen wollte. 

 

 

 

 

 

 

 

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